Freitag, 6. September 2024

Rezension: One Liter of Tears





Inhaltsangabe


Kitou Ayas Tagebuch (1976-1984) beginnt mit dem unschuldigen Bericht eines 14jährigen Mädchens über den Umzug ihrer Familie in ein neues Haus und den Tod ihres kleinen Hundes. Als ältestes Kind der Familie möchte sie natürlich auch so behandelt werden: wie eine Erwachsene. Oft sieht sie sich hierbei allerdings im Zwiespalt, denn mit 14 Jahren ist man irgendwo zwischen "nicht mehr und noch nicht".

Im Sommer des letzten Jahres der Mittelschule bemerkt Aya das Abfallen ihrer sportlichen Leistungen. Sie scheint immer tollpatschiger zu werden und stürzt schließlich. Das wäre nicht das Drama, wenn sie sich wie jeder andere Mensch abgefangen hätte - doch ihr Körper hat ihr nicht gehorcht.
Die Mutter Shioka bringt Aya ins Krankenhaus für einen Check-Up. Ihre Bedenken zeigen sich gerechtfertigt, wenn auch erst einmal ohne Diagnose: Ayas Gleichgewichtsproblematik nimmt zu, sie muss den Sportunterricht gänzlich ausfallen lassen und die Wahl der weiterführenden Oberschule ist nun auch an ihre Wohnortnähe gebunden, damit der Weg nicht so weit ist.

Aya gelingt die Aufnahmeprüfung für die Higashi Oberschule und feiert dies im Kreis ihrer Familie mit einem Festessen. Trotz aller Vorfreude weist ihre Mutter sie aber auch darauf hin, dass sie von ihren Mitschüler*innen anders behandelt werden wird, da sie (sichtbar) eingeschränkt in ihrer Mobilität ist, öfter unbewusst grimassiert und von allgemeiner schlechter körperlicher Konstitution. Sie wird diese Grenzen akzeptieren und sich auf andere verlassen lernen müssen.

Die erste Zeit scheint dennoch gut für Aya zu verlaufen, aber letzten Endes nimmt der körperliche Behinderungsgrad immer weiter zu und sie muss an eine Schule mit dem Förderschwerpunkt körperliche Entwicklung wechseln. Dies erfordert viel Mut und Kraft, denn man nimmt ihr die Normalität ihres Lebens: Sie geht nicht mehr auf eine normale Schule und ist somit auch keine normale Schülerin mehr. 
Der Abschied fällt ihr schwer, da sie sich eingelebt und Freunde sowie ihren Platz gefunden hatte.

Als Schülerin der Körperbehindertenschule muss Aya fortan in einem angegliederten Schülerwohnheim leben, das von Betreuer*innen verwaltet wird. Hier lernt sie schneller als andere ihres Alters selbstständig zu leben, den Haushalt zu führen, ein Mehrbettzimmer in Ordnung zu halten, usw. - Die Krankheit ist keine Grund für Faulheit oder Verspätung! Obwohl Aya eine sehr fleißige Schülerin ist, fiel auch sie in diese anfängliche Schiene und wird auf mitunter sehr barsche Art gelehrt, dass ihr solch ein Verhalten nichts bringt. Die Betreuer*innen haben Erfahrung und wissen, dass es nicht die letzte Veränderung in dem Lehrer der Schülerin sein wird: alsbald muss sie sich auch damit arrangieren, fortan den elektrischen Rollstuhl zu nutzen. Ihre eigene Kraft reicht kaum mehr aus.

Aya schafft den Schulabschluss und kehrt daraufhin nach Hause zurück. Ihre Beschwerden werden im Laufe der weiteren Jahre immer heftiger und somit dem Bild der spinozerebellären Ataxie gerecht: Die Feinmotorik geht verloren, sie kann nicht mehr singen und auch das Sprechen fällt ihr schwerer, bis sie nur noch Laute von sich geben kann. Essen und Trinken wird zur Qual, da sie sich stetig verschluckt - ein großes Risiko! Im Alter von 21 Jahren kann sie schließlich nicht einmal mehr ihre Tagebucheinträgeg fortführen...

 

Erstkontakt

Ich bin ein großer Fan japanischer TV-Serien, die zu der Kategorie "Drama" gehören und stieß dabei Ende 2008 / Anfang 2009 auf die elfteilige Serie "One Liter of Tears" (ausgestrahlt 2005, Fuji TV) .
Zweite große Leidenschaft waren zudem japanische Serien, die auf biografische Weise bestimmte Krankheitsbilder behandeln und den schweren Weg der an diesen erkrankten Menschen aufzeigen.
 
"One Liter of Tears" berührt mich auch heute noch auf eine Weise, wie es selten geschieht (Ich möchte hier "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von John Green nennen, ebenso eine Ausnahme). Glücklicherweise fand ich eine englischsprachige Ausgabe dieser und habe mir diese gekauft.
 

Mein Leseerlebnis

 
Kitou Aya wurde am 19. Juli 1962 geboren und starb am 23. Mai 1988 an den Folgen ihrer unheilbaren Krankheit: spinozerebelläre Ataxie, SCA. Es handelt sich um eine vielseitige Nervenkrankheit mit unterschiedlichen Typen, deren Auftrittswahrscheinlichkeit 1 zu 100.000 beträgt. Die Purkinjezellen, die größten Neuronen des Kleinhirns, sterben ab und es kommt in Folge dessen zu neurologischen Ausfällen. Anfangs mit Bewegungsstörungen, Sehstörungen, abnehmenden Orientierungssinn und schwindender Wahrnehmung einhergehend, folgen sprachliche Ausfälle, Zittern und Schluckbeschwerden. Der Körper ist nicht funktionsfähig.
Auch heute gilt die spinozerebelläre Ataxie als unheilbar und nur behandelbar: Rehabilitation, Medikamente, regelmäßige Untersuchungen und psychosoziale Unterstützung.

Mit diesem Hintergrund ergeben die Tagebucheinträge nicht einfach nur eine zusammenhängende Geschichte, sondern sind Beschreibung eines langen Kampfes, der schließlich in einer Niederlage endet.
Trotzdem hatte ich als Leserin stetig das Gefühl, dass Aya in anderen Dingen gewann: Sie wuchs über sich selbst hinaus und blieb bis zu ihrem Lebensende positiv gestimmt. Immer wieder findet sie Schönheiten in den kleinen Dingen des Lebens - gezwungen, aber aufrichtig. 
 
Schon vor Ausbruch ihrer Krankheit hielt Aya ihr Leben auf Papier fest, doch verlieren sie im Laufe der Zeit ihre Leichtigkeit, geschuldet durch das Krankheitserleben, und werden weitaus nachdenklicher und intensiver. Ihr wurde von den behandelnden Ärzt*innen sogar geraten, ein solches Tagebuch zu beginnen, um einen optimalen Bericht ihres Krankheitsverlaufs zu verfassen, welcher für die Therapie wichtig wäre.
Aus diesem Buch mit leeren Seiten wurde ein bester Freund: Gedanken, Ängste und Wünsche, welche sie aus Rücksichtnahme auf ihre Familie niemanden anvertrauen wollte bzw. konnte, ließen sich hier ungeschönt festhalten, ebenso Hoffnung und Selbstreflexion.

Mutter-Tochter-Band

 
Besonders auffällig ist, dass ihre Mutter Shioka sehr häufig Erwähnung findet. Nicht nur, als sich diese hingebungsvoll um ihr Kind auf Grund der Pflegebedürftigkeit kümmern muss, sondern auch in weiterer Sicht spürte ich, dass Aya ihre Mutter sehr respektiert, ihre Meinung schätzt und liebt. Die Professionalität und Rationalität, mit welcher Shioka ihrer Tochter teilweise begegnet lässt sich in deren eigenen beruflichen Hintergrund im Gesundheitswesen begründen. Nichtsdestotrotz agiert sie stets umsichtig und liebevoll.
 
Aber auch Aya besitzt mit ihren 15 Jahren, als die Krankheit ausbricht, bereits genug Feingefühl, um die Auswirkung ihrer Diagnose auf ihr Umfeld zu verstehen. Ein weiterer Grund, warum sie sich mit allem "Negativen" nur ihrem Tagebuch anvertraute und sich immer wieder ermahnte zu kämpfen und nicht nachzulassen - Sie wollte ihrer Familie nicht zur Last fallen, die bereits ein erschwertes Leben hatten. 

 

Publikationen

Buch

 
Dass Kitou Ayas Worte an die Öffentlichkeit gelangten, verdanken wir ihrer Mutter. Sie verwaltete Ayas Notizen, ermunterte sie stets weiterzuschreiben, und wurde schließlich Ansprechpartnerin für die interessierten Verleger. Sie veröffentlichte außerdem ein Postskriptum und damit eine Art Nachwort zu Ayas Tagebuch.

 

Manga 

Als illustrierte Variante - Angriffspunkt für die jungen Leute - existiert ein Manga, welcher Ayas Geschichte erzählt. Auch hier wurden liebevoll die wichtigsten Etappen von Ayas Leben dargestellt und liebevoll gezeichnet.

 

TV-Serie und Special

 
Neben der Serien-Adaption gibt es ein zweistündiges Special, das eine Zusammenfassung, aber auch die Zukunft von Ayas sozialem Umfeld zeigt. In diesen Episoden wird Kitou Aya zu der Figur "Ikeuchi Aya" (dargestellt von Sawajiri Erika, u.a. Shinobi, Taiyou no Uta) und die Geschichte wurde hinsichtlich Moderne der frühen 2000er angepasst. Ebenso findet in der Serie ein Charakter Platz, welcher im Tagebuch nicht auftauchte: "Asou Haruto" (dargestellt von Nishikido Ryo, u.a. Attention Please, ehemaliges Mitglied von Kanjani8). Dieser anfängliche Klassenkamerad wurde auf Wunsch von Kitou Shioka eingefügt, um zumindest der fiktiven "Tochter" die Möglichkeit einer Jugendliebe zu geben. ("Mutter, kann ich heiraten?" - eine herzzerreißende Frage, die Shioka von Aya gestellt wurde)
Sehr schön ist zudem der Abspann der jeweiligen Episode, in denen Fotos und Zitaten von der echten Aya gezeigt wurden und die sich auch im gedruckten Tagebuch als Zusatzmaterial wiederfinden.
 

Film


2004, ein Jahr vor der Serie, wurde ein gleichnamiger Film gedreht, der weitaus nüchterner und sachlicher Ayas Leben beschreibt. Jene Aya wird von Oonishi Asae verkörpert, die in der Serie Ayas spätere Leidensgenossin und Mitbewohnerin "Oikawa Asumi" spielt.
 

Was gibt uns das Buch mit?


- Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen

- Eine starke Familie kann ein starker Halt sein

- Auch die kleinen Dinge im Leben lassen sich zu schätzen lernen

- Krankheit ist ein Teil von mir, aber ich bin nicht die Krankheit

- Was fair im Leben ist und was nicht, können wir nicht verstehen


Zugreifen oder nicht?


Im Gegensatz zu Romanen und auch Sachbüchern kann man Autobiografien bzw. Tagebücher in meinen Augen nur beschränkt bewerten. Bei einem übersetzten Buch ist es zudem noch schwieriger.

Wenn ich allerdings gefragt werde, was One Liter of Tears so lesenswert macht, dann fällt mir die Antwort leicht: Der intime Einblick in Ayas Gefühlswelt, in ihre Gedanken und in ihr allgemeines Leben lassen nicht nur Beobachter*in werden, sondern mitfühlen und sich mit ihr identifizieren: ein Mädchen mitten in der Pubertät, voller Zweifel, Minderwertigkeitsgefühlen, Schwächen aber auch Tatendrang, Wünsche, Durchhaltevermögen und Stärke der Jugend... wer kennt das nicht?
 
Für mich persönlich sind ihre Einträge aber noch mehr: Jeder einzelne brachte mich dazu, mein eigenes Leben zu reflektieren: Hürden, die groß erschienen, wurden klein. Dinge, über die man sich ärgerte, wurden nichtig. Was rennen wir hinter den großen Dingen her? Sind es nicht auch die kleinen, die glücklich und dankbar machen können? Denn eins sollten wir nie vergessen: Gesundheit ist das höchste Gut und nicht selbstverständlich.

Sidenote - Noch ein paar Extras im Buch


Da es sich bei dem vorgestellten Buch um eine Fremdsprachen-Ausgabe für japanische Muttersprachler handelt, gibt es am Ende eine Vokabelliste Englisch-Japanisch. Das Buch ist auf Level 4 angesiedelt, was einen benötigten Wortschatz von ungefähr 2.000 Worten bedeutet. Unsereiner sollte also mit dem Stand von B1-B2 gut zurechtkommen.



Freitag, 30. August 2024

Rezension: Love Letters to the Dead


Inhaltsangabe

Laurel, im ersten Jahr an der Highschool,erhält von ihrer Englischlehrerin zu Beginn des Schuljahres die Aufgabe, einen Brief an eine tote Person zu schreiben. Sie schreibt Kurt Cobain, dem verstorbenen Sänger der Band Nirvana. Er ist zu jung gestorben, so wie ihre Schwester May. Aber nicht nur deswegen wählt sie Kurt Cobain aus, sondern auch, weil May Anhänger seinerseits war und Laurel nicht weniger mit der Musik Nirvanas angesteckt wurde. Als sie fertig ist, gibt sie den Brief jedoch nicht an ihre Lehrerin ab, sondern schreibt noch viele weitere Briefe an andere verstorbene Persönlichkeiten: Judy Garland, Jim Morrison, Amy Winehouse...
 

Erstkontakt

Erinnert ihr euch an die Welle, welche durch John Greens The Fault in our Stars / Das Schicksal ist ein mieser Verräter ausgelöst wurde? Zum einen kamen weitere seiner Bücher nach Deutschland, z.B. Looking for Alaska / eine wie Alaska, aber auch viele weitere Coming of Age Romane fanden den Weg auf unsere Büchertische. Ich hielt Love Letters to the Dead somit schon einmal in den Händen, 2015. Ich habe es allerdings wieder weggelegt, weil mich die Inhaltsangabe nicht sofort überzeugte, gerade weil es viele ähnliche Romane gab... Dann kam ein Buchwichteln, welches online organisiert worden ist: Als ich meine Briefsendung öffnete... tja, welches Buchcover guckte mich da an?

Mein Leseerlebnis

Laurels Briefe erzählen eine Geschichte - ihre Geschichte. Ihre Highschool-Erfahrungen, der Beginn neuer Freundschaften, die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens, die erste Liebe... Aber auch über ihre Vergangenheit, die sie einzuholen droht. Dabei lernt Laurel - wie es oftmals in Romanen mit einer verstorbenen Person als Schlüsselfigur -, dass ihre Schwester May weniger perfekt war, als sie sie in Erinnerung trägt.

Love Letters to the Dead überraschte mich positiv, obwohl die Geschichte nicht neuerfunden ist: Zum einen spürte ich die Liebe, mit welcher der Roman geschrieben wurde. Die Autorin ermöglicht mit jedem Brief einen Einblick in das Leben der jeweiligen berühmten Persönlichkeit. Die Auswahl dieser ist durchmischt: Amy Winehouse, Kurt Cobain, Judy Garland - Künstler verschiedener Generationen. Dank der kurzen, gut eingebundenen Einleitungen und Bezugnahmen in den Briefen wird eventuelle Unwissenheit zu diesen Personen schnell geklärt (Für einen Extralesegenuss empfehle ich also, die passenden Songs spielen zu lassen). 

Außerdem ist nicht nur Laurel ein interessanter Charakter, sondern auch die weiteren Figuren im Buch: Hannah, deren Bruder ihr gegenüber gewalttätig wird. Natalie, welche sich der Gefühle gegenüber ihrer Freundin in Klaren werden muss. Sky, der mit seiner psychisch erkrankten Mutter allein gelassen wird. Laurels Eltern, die jeder auf seine Art und Weise mit dem Tod ihrer Ältesten umgehen, aber sich immer mehr voneinander entfernen. 

Und obwohl sich der rote Faden offensichtlich durch das Buch zieht, lässt sich bis zum Schluss nicht erahnen, ob wir es mit einem Happy End schließen werden

Dellaira schafft es, Laurel eine Entwicklung als Charakter zu geben, die ich selten gesehen habe: eine nachvollziehbare Entwicklung. 

Kritikpunkt: Die hemmungslose Jugend?

Was mich hingegen sehr erschreckte, ist der nahezu hemmungslose Umgang mit Alkohol, Drogen, Sex und Lügen in dem Buch. Die jugendlichen Charaktere sind 15-19 Jahre alt. Es wird von Episoden berichtet, in denen Laurel Ladendiebstahl begeht. Alkoholorgien werden bei den Mädchen zu Hause gefeiert und ganz selbstverständlich wird der Unterricht geschwänzt und Gras geraucht.

Dass dies teils deswegen geschieht, um zu zeigen, wie kaputt manche der Charaktere sind, ist verständlich. Inwiefern es allerdings sein muss, dass Laurel von einem Fremden Drogen annimmt und diese auch noch schluckt, obwohl sie genau weiß, dass es keine harmlosen Koffeintabletten sind, lässt sich anzweifeln. Es passte nicht zu der Situation. Auch die regelmäßigen Griffe zur Flasche, teils sogar allein, ist für mich unverständlich - sie hat es nicht vorgelebt bekommen und es wird auch nicht näher darauf eingegangen, ob der Alkoholzuschuss eine wesentliche Besserung zu ihrem Gemütszustand beiträgt oder nicht.

Was gibt uns das Ende des Buches mit?

 
Auch Stars sind am Ende normale Menschen, die sterben.

Alkohol ist keine Lösung. Drogen auch nicht. Diebstahl bringt auch nur Ärger.

Dein Körper kann dich zum Schutz unangenehme Dinge verdrängen lassen.


Zugreifen oder nicht?

Ich möchte diesen Roman denjenigen ans Herz legen, die moderne Jugendliteratur/Young Adult lesen und Musik lieben. Die Autorin schafft es, Atmosphären zu kreieren, die mitfühlen lassen. Man spürt die Schwere und die Schatten, die Laurel täglich begleiten und wie sie sich in einem angenehmen Tempo wieder lüften. Dies ist definitiv nicht in jedem Buch der Fall und deswegen eindeutig Daumen hoch.

 

Sonntag, 25. August 2024

Rezension: Was bleibt, wenn du gehst

 

 

Inhaltsangabe


Die Geschichte handelt um eine Zusammenkunft alter Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen haben. Von Jen wurden sie mehr oder weniger wissentlich um die anderen in das Haus in Südfrankreich eingeladen, welches ihr ganz eigen privates Heim gewesen ist, bis sich ein Autounfall ereignete, der das Leben aller aus der Bahn warf. 

Die Auslöser, die damaligen Probleme, Geheimnisse und unausgesprochene Worte kommen wieder ans Tageslicht. Den Geistern der Vergangenheit muss sich gestellt werden.

 

Erstkontakt 

Hin und wieder gibt es Phasen, in denen ich einfach etwas leichtes lesen mag. Ich mag Alltagsgeschichten, die auch ein bisschen romantisch sein dürfen. Also habe ich nach kurzem Überlegen mit geschlossenen Augen vor ein paar Jahren das nächstbeste Buch gegriffen und landete bei Amy Silvers Was bleibt, wenn du gehst.

 

Mein Leseerlebnis

Es fiel mir schwer, mich mit der Protagonistin Jen anzufreunden. Sie wird als zentraler Angelpunkt eingesetzt und hält die Fäden des Romans zusammen. Dennoch sind ihre Verhaltensweisen und ihre Dialogführungen oftmals sehr theatralisiert und sie wird nahezu perfekt, bis es zur Enthüllung ihres eigenen Fehltritts mit einem der Freunde kommt. Trotzdem bleibt sie selbst dann noch sehr "unschuldig".

Mit den fortschreitenden Kapiteln rücken auch die anderen ihrer früheren Clique in den. Nach und nach erfahre ich als Leserin in angenehmen Geschwindigkeit Näheres zu Andrew, Natalie, Lilah und Dan. 

Ihr verstorbener Freund Conor findet hingegen zwar immer wieder Erwähnung, doch erscheint diese - obwohl sein Tod so schwer für Jen und Andrew wiegt - recht oberflächlich. 

 

Die fünf Freunde

Andrew sieht sich als Sündenbock, was verständlich sein mag, da er die gefühlte Ursache für Conors Unfall darstellt, doch kommt auch hier das eigentliche Problem wenig zu Sprache.

Hingegen sind Natalies körperliche Schäden, die sie durch den Unfall erlitt, den gesamten Roman hinweg präsent und zeichnen sich auch in ihre Verhaltensweisen und in ihren Reaktionen ab. In meinen Augen ist Natalie trotz der teilweise aufkommenden Hysterie, Zickigkeit und Bestimmtheit eine der authentischsten Figuren. 

Dass die Beziehungsprobleme zwischen ihr und Andrew allerdings immer nur angedeutet werden, aber nie direkt zur Sprache kommen und aufgedeckt werden, ist sehr schade. Es hätte der Geschichte mehr Tiefgang gegeben, hätte durchaus auch Andrews Schuldgefühle in einen rechten Fokus rücken können... 

Kommen wir zu einer weiteren authentischen Figur: Lila - eine Alkoholikerin, ein Partygirl, immer am Abgrund balancierend und magersüchtig... Ihr Verhalten ist kindisch, übertrieben, hemmungslos. Ich spüre, dass ihre Probleme wirklich von schwerer Natur sind und sie hier allein nicht mehr rauskommt.

Der Letzte im Bunde, Dan, ist ein typischer Draufgänger, der nie erwachsen werden konnte. Jens Bezeichnung des "verlorenen Jungen" passt sehr gut. Im Großen und Ganzen erinnert er stark an Daniel aus "Bridget Jones" oder an Dexter aus "One Day" ("Zwei an einem Tag") ... einzig und allein seine Fantasie, die ihm Albträume bescheren (Axtmörder voraus), geben ihm Abwechslung zu den genannten Schürzenjägern und großen Jungs der anderen Romane.

Gute Dramatik vs. übertriebene Theatralik

Natürlich sind die Freunde überängstlich, wenn es um Straßennutzung bzgl. des Schneegestöbers geht. Das würden wohl die meisten von uns so fühlen. Wenn aber selbst die bis eben ruhige Natalie auf einmal eine 180 Grad Wende macht und cholerisch wird, oder wenn Jen das typische "Geh nicht!", "Komm mir nicht zu nahe!" Spiel in einem Intervall von zwei Minuten häufiger aufkommen lässt als eine Fußballmannschaft in einem Spiel Tore schießt, und anhand von Blutstropfen auf der Treppe abergläubische Fantasien rechtfertigt, sind dies für mich Übertreibungen, die man nicht braucht.

Das Haus wird so nicht nur zur Zufluchtsstätte, sondern auch zu Tatort und Happy End-Location zugleich.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt: Die ständigen Entschuldigungsfloskeln. Mit voranschreitender Seitenzahl wird sich immer mehr entschuldigt und das nahzu für jedes Wort. Die Charaktere erklären sich in Monologen, als würden säßen sie in einer Therapiestunde. Ein Jeder von ihnen scheint zu wissen, wie der andere tickt. 

Was genau gibt uns das Ende des Buches mit?

Redet miteinander, kommuniziert. 

Geht nicht einfach davon aus, dass ihr wisst, was einer denkt und fühlt, wenn ihr nicht darüber gesprochen habt.

Betrügt einander nicht.

Und: Perfektion gibt es nicht. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Zugreifen oder nicht?

Das heißt jedoch nicht, dass Amy Silver nicht schreiben kann. Sie kann... denn ansonsten hätte ich das Buch mittendrin weggelegt. Man kommt flüssig und schnell durch die etwas über vierhundert Seiten. Man möchte auch nicht aufhören, weil man wissen will, wie die Geschichte weitergeht. Unter den angebrachten Kritikpunkten wäre es ein wirklich guter Roman geworden. So hingegen bleibt er recht oberflächlich, der dann auch noch mit einigen Rechtschreibfehlern in der Übersetzung glänzt: Wobei ich nie vergessen werde, wie fruchtbar Jen aussah, obwohl sie furchtbar hätte aussehen müssen...

 

 

Montag, 2. Januar 2023

Rezension: Dear Evan Hansen

  







Inhaltsangabe

Nobody Deserves to be Forgotten

Ein nie für die Augen anderer bestimmter Brief lässt Evan Hansen als engsten Freund eines toten Mitschülers erscheinen. Dem einsamen Evan eröffnet sich durch dieses Missverständnis die Chance seines Lebens: endlich dazuzugehören. Evan weiß natürlich, dass er falsch handelt, doch nun hat er plötzlich eine Aufgabe: Connors Andenken zu wahren und den Hintergründen seines Todes nachzuspüren. Alles, was er tun muss, ist weiter vorzugeben, Connor Murphy habe sich vor seinem Selbstmord allein ihm anvertraut. Plötzlich findet sich der unsicht- und unscheinbare Evan im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sogar der des Mädchens seiner Träume – Connors Schwester.


Erstkontakt

Vor zwei Jahren habe ich das erste Mal das Musical gesehen, welches die Grundlage zu diesem Buch bot. Ich liebte die Songs, ich liebte die Charaktere und als ich nun den Roman in die Hände bekam, konnte ich nicht anders als zuzugreifen. 

Mein Leseerlebnis 

Die Geschichte rund um Evan ließ mich im geschriebenen Wort kritischer werden. Ich war gespannt darauf, ob sich im Buch die Verstrickungen Evans mit Connors Familie vom Musical unterscheiden oder ich neue Informationen zu einem der Charaktere bekomme.

Ich ließ aus Jux im Hintergrund die Musical Tracklist zu den passenden Szenen laufen und das wiederum machte das Lesen noch erfreulicher. Kennt ihr das, wenn ihr einen Film gesehen gehabt, dazu das Buch lest und euch dazu die passenden Momente vor Augen kommen? Ich liebe das!

Trotz allem spürte ich aber beim Lesen eine schwerfälligere Atmosphäre als beim Gucken des Musicals. Die Leichtigkeit, die in diesem durch die poppigen Songs und des darstellenden Spiels vermittelt wird, findet sich im geschriebenen Wort nicht wieder. Hingegen spürt man die Überforderung Evans Mutter, die negative Grundeinstellung Connors (nach seinem Tod) und ebenso die Verzweiflung Connors Eltern, weil sie ohne Evan nicht über den Tod ihres Sohnes hinwegzukommen scheinen - besonders Connors Mutter.

Was genau gibt uns das Ende des Romans mit?


Du bist nicht allein. 

Du kannst über dich hinauswachsen.

Das geschriebene Wort ist mächtig. 

Deine Taten haben Konsequenzen.


Wie wird das Buch erzählt? 


Ich sprach bereits die Schwerfälligkeit des Buches an: Natürlich hängt dies auch mit den Grundthemen zusammen: ein Teenager mit psychischer Erkrankung, eine zerrüttete Familie, Suizid, Trauer, ... 
Nichts davon ist leichte Kost, und dies sollte man sich bewusstmachen:

- Evan geht zur Therapie, muss Medikamente einnehmen und gerät regelmäßig an seine Grenzen.
- Evans Mutter ist alleinerziehend und überforderte Krankenschwester, die ihren Sohn regelmäßig vernachlässigen muss, weil sie Angst um ihren Job hat.
- Evans "Freund" Jared, welcher zwar "Komplize" Evans wird, allerdings im Grunde sich gar nicht als dessen Freund sieht und Evan dies auch regelmäßig spüren lässt
- Connors Familie ist zerrüttet und tiefgespalten - Connor, mit dem es anscheinend immer Probleme gab.
- Zoe, die sich nach dem Tod ihres Bruders erst recht in ihre Musik zurückzieht.
- Die MitschülerInnen Evans und Zoes, welche ein ganzes Business aus Connors Tod heraufziehen wollen und für noch mehr Probleme sorgen...


Der Roman wird aus Evans Perspektive erzählt, so dass wir von Anfang an Zugang zu seinen intimsten Gedanken und Gefühlen haben. Wir spüren seine eigenen Unsicherheiten, erleben das erste Verliebtsein und werden Zeuge davon, wie er sich u.a. dank Jared immer weiter in seine Lügen rund um Connor verstrickt... 

Zwischendurch gibt es auch Kapitel aus der Sicht Connors, die uns begleiten und Einblick in seinen Charakter geben, welcher sonst ja bereits früh aus der Geschichte scheidet. Als Geist schwebt er sozusagen über dem Geschehen und lässt uns an seinen Empfindungen teilhaben.

Eine weitere Erzählform im Roman sind die eingeworfenen kurzen Chatverläufe zwischen Evan und Jared, welche die Story noch gegenwärtiger und moderner machen.


Lügen haben lange Beine


Jared ist hierbei eine interessante Figur, die sowohl Motivator als auch Kritiker für Evans Handlungen darstellt. Auf der einen Seite lässt er sich von diesem überreden, gemeinsam die E-Mails zu verfassen, die sich Evan und Connor angeblich geschickt haben. Dass Jared dabei sogar Spaß hat, lässt sich nicht bestreiten. 
Doch als Evan nun sogar von Connors Eltern zum Essen eingeladen wird und dort noch mehr über seine (ausgedachte) Freundschaft zu ihrem verstorbenen Sohn erzählen soll, wird es selbst Jared zu tricky und er rät Evan ab.

Dieser hingegen kann sich nicht mehr aus der Zwickmühle befreien und das Netz der Fiktion wird immer größer und größer. Da auch noch die MitschülerInnen ein Gedenken an Connor errichten wollen, wird dieses Lügenmärchen zu einer ganzen Novelle und Evan bekommt immer größere Probleme.

Gleichzeitig hätte er aber nicht mit Zoe anbändeln und dabei auch seine eigene Angst und Scheu vor Menschen und der ersten Liebe überwinden können, wenn dies alles nicht geschehen wäre.
Durch die Aufmerksamkeit, die Evan zuteilwurde, und seine Worte, wurde er ebenso in die Mitte der "beliebten Kids" gezogen und das wiederum pushte sein Selbstbewusstsein.
Es geht sogar so weit, dass er seiner Mutter die Meinung geigen kann und sich selbstständig aus der Medikamentenabhängigkeit zieht. Ein krasser Schritt!

Kann man Evan nun einen Vorwurf machen?

Zum einen hatte er am Anfang versucht, das Missverständnis aufzuklären, dass der anfängliche Brief nicht von Connor verfasst wurde - doch man hörte ihm nicht zu. Zum anderen tat er dies nicht aus Böswillen, sondern verfolgte zunächst das Gegenteil: Wenn der Brief Connors Familie ein wenig Seelenfrieden schenkte... dann würden es weitere Worte auch? Und das Video, welches von seiner Rede im Internet ohne seine Erlaubnis gepostet wurde, war auch keine Absicht Evans.

Doch dann kommen wir zu den Gelüsten der Menschen: Evan erfährt Beliebtheit. Er wird gehört, unterstützt, gemocht. Dinge, die er so in der Schulgemeinschaft nicht erfahren hat. (Wir erinnern uns, dass auch Jared kein richtiger Freund ist) Das Mädchen seiner Träume (Zoe) redet ebenso mit ihm und das alles will man auch nicht einfach wieder verlieren?

Umso schlimmer dann die Offenbarung, dass alles nur eine Lüge war... wenn auch eine sehr gute Lüge.

Zugreifen oder nicht?


Definitiv! Ich kann mich als Erwachsene zwar eher in Evans Mutter hineinversetzen (gerade auch, was ihr Job als Krankenschwester betrifft), aber dennoch waren mir die Charaktere nicht unsympathisch.
Der Spannungsbogen ist beispiellos und man fiebert mit, wie sehr dieser noch in die Höhe getrieben kann, bis die absolute Katastrophe eintritt... und wie diese gelöst wird.



Mittwoch, 23. November 2022

Rezension: Der Sommer, der uns trennte

 





Klappentext

Nate wird vermisst! Vermutlich ist er tot.
Die Gedanken wirbeln erbarmungslos durch ihren Kopf. Das darf nicht sein. Denn wenn es stimmt, bricht ihre Welt zusammen. Gemeinsam aufs College gehen, verloben, heiraten, all das würde es nie mehr geben. Niemand scheint Middie in ihrem Schmerz zu verstehen. Bis auf Lee – Nates bestem Freund, mit dem sie nie gut klargekommen ist. Aber er ist der Einzige, an den sie sich anlehnen kann. Und plötzlich erwächst aus der gemeinsamen Sorge, etwas Neues … Doch ist es wirklich in Ordnung Gefühle für Lee zu haben?


Erstkontakt

Manchmal locken Titel und Cover. So war es auch bei diesem Buch. Ich sah den Einband des Buches, sah den Titel und dachte mir: Komm, vielleicht findest du hier noch die ein oder andere Inspiration für deine eigene Geschichte!

Mein Leseerlebnis 

Die Zusammenfassung auf der Rückseite entspricht dem roten Faden, der durch die Kapitel führt.
Wir lernen zunächst Middie kennen, eine High School-Schülerin im letzten Jahr. Wir lernen ihren Freund Nate kennen: Liebevoll, gut aussehend, intelligent, perfekt. Wir lernen dessen ebenso liebenswerte Familie kennen, in welcher sich Middie heimisch fühlen kann.
Die erste Bestandsprobe für Middies und Nates Beziehung ergibt sich aus dessen Freiwilligenjahr in Honduras: der Netzempfang ist schlecht, die Kommunikation spärlich. Die Protagonistin muss sich damit auseinandersetzen, wie es ist, ihr eigenes Leben ohne ihren Freund zu leben.

Der zweite Schicksalsschlag für Middie ist der Anschlag auf das Dorf, in dem Nate sich gerade in Hondura befindet. Angst, Einsamkeit, Unglaube, ... die gesamte Gefühlspalette schlägt auf sie ein. Nates Familie ist ihr Anker, aber lässt sie gleichzeitig noch mehr Schmerz spüren. Die Schule, in der Nate beliebt war, bereitet alles für ein Gedenken an den Alumni vor, ... 

Und dann kommt der dritte Schicksalsschlag: Lee. Der beste Freund von Nate. Er rettet Middie wie in einem Liebesstreifen dramatisch mit seinem Moped aus einer emotional erdrückenden Situation, und dies bleibt nicht das einzige Mal.

Lee erscheint als rebellischer, teils oberflächlich dümmlicher Draufgänger, doch im Laufe der Zeit, in welcher sie sich beide gegenseitig Unterstützung, Trost und Abschottung von der restlichen Welt schenken, lernt Middie seine guten Seiten kennen. Sie freunden sich an. Und gleichzeitig hört Middie über Nate Geschichten, die ihn wie einen anderen Menschen erscheinen lassen.

Wir haben es hier mit einem Liebesroman zu tun und so kommt es, wie es kommen muss: Middie und Lee verlieben sich ineinander. 

Spoiler (markiere den Text, um weiterzulesen)

... bis Nate gefunden und nach Hause gebracht wird. So glücklich alle auch darüber sind, dass der Vermisste und Totgeglaubte wieder da ist, so werden Middie und Lee wieder zurückgeworfen: Middie muss sich entscheiden. Nate, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte, oder Lee, der ihr die spontanen und aufregenden Seiten von diesem zeigte...?




Was genau gibt uns das Ende des Romans mit?


Urteile das Buch nicht nach seinem Cover.

Hör auf dein Herz.


Wie wird das Buch erzählt? 


Die Geschichte liest sich sehr flüssig und angenehm. Ein gutes Werk moderner Romane für junge Leute. Als Leserin konnte ich hervorragend mit Middie fühlen, als Nate toterklärt wurde: die Geschehnisse, die auf sie einprasseln, die Menschen, der Alltag, ... 

Ganz klar sind auch die Unterschiede zwischen Nate und Lee zu erkennen: Sowohl die Ausdrucksweise als auch die Art, wie sie handeln, zeigt ihre unterschiedlichen Charakterzüge.
An dieser Stelle möchte ich auch auf die weiteren Figuren der Geschichte eingehen: Nates Familie ist ein zentraler Angelpunkt für Middie. Von dieser gut aufgenommen und sich zugehörig fühlend, wirken sie perfekt, ohne dabei allzu perfekt zu sein: Sei es der Umgangston mit Nates jüngeren Geschwistern oder auch die unterschiedliche Herangehensweise bei der Vermisstenmeldung ihres Ältesten.
Genauso ist Lees Freundin, die Middie später kennenlernt, eine sehr einzigartige Person, die wenig Stereotypie aufweist, doch gibt es einen Punkt, der mich das Buch kritisch betrachten lässt...


Klischees über Klischees


Dass sich Nate und Middie die Welt versprechen, ist nachvollziehbar: die große Liebe, man plant die Zukunft, ... Dass Middie ihm zum Abschied eine Box mit 365 kleinen Aufmerksamkeiten schenkt, ist auch vollkommen verständlich und sehr, sehr süß! Ein schöner Liebesbeweis.
Selbst die ständigen "Ich werde ihn vermissen! Bald ist er weg!" Zeilen akzeptiere ich, obwohl sie mich mit der Zeit nervten.

Ganz anders hingegen der weitere Verlauf. Ab dem Moment, wo Nate toterklärt wurde, ging es für mich langsam bergab: Lee entführt Middie auf seinem Moped - Bonnie und Clyde. Lee ist in Middies Augen eigentlich total kindisch - wie kann er auf einmal so erwachsen sein und ihre Gedanken lesen? Oh nein, sie beginnt sich in Lee zu verlieben, weil er so sexy beim Autoreparieren ist! Middies ständiges Fehlen an der Schule (u.a. weil sie schwänzt und mit Lee unterwegs ist) - wird nicht geahndet, sondern vollkommen verständnisvoll von den Lehrern aufgenommen. Ab jetzt Spoiler: Nate kommt zurück - für wen entscheide ich mich? Oh, auf einmal merke ich, dass ich das Abenteuer brauche und nehme Lee!


Come on. Das war etwas zu viel. Ich hätte mir hier einen originelleren Verlauf gewünscht...  
Klischees sind nicht immer schlecht. Manchmal sind sie nötig und sie können einem leichte Nostalgiegefühle vermitteln. Doch hier sind es mir einfach zu viele...


Zugreifen oder nicht?


Für einen kurzweiligen Lesegenuss würde ich das Buch definitiv empfehlen. Der Roman liest sich gut, ist auf seine Art erfrischend und wer vielleicht noch nie mit Liebesromanen und Dreiecksbeziehungen zu tun hatte, hat hier ein angenehmes Ersterlebnis.


Donnerstag, 29. September 2022

Rezension: Hinter deiner Tür aus Papier

 





Klappentext

"Ich weiß, es kam ein bisschen plötzlich, aber danke, dass du gekommen bist", sagte Ninagawa gedehnt und rückte dabei langsam näher. "Also..."
Spucke flog aus seinem Mund, und ich schloss unwillkürlich die Augen. Sich entschuldigend wischte er hastig das Tröpfchen unter meinem Auge mit dem Daumen weg. Das Geräusch von geriebenem Haarflaum drang schwach an mein Ohr, und die verschwitzte Berührung seiner Daumenkuppe blieb auf meiner Haut zurück. Dann huschte er hinter mich, und ich dachte, jetzt kommt's, jetzt macht er mir den BH auf.

Die Geschichte von Hatsu und Ninagawa - erotisch und voller Poesie.


Erstkontakt

Auf meiner Bibliothekstour fiel mir unweigerlich der rosa Einband zwischen all den dunkel gehaltenen Büchern auf, und als ich den Namen einer japanischen Autorin las, wurde ich neugierig.
Ich mag die japanische Gegenwartsliteratur, die sich nicht immer leicht lesen lässt (Japanisch zu übersetzen, ist eine gewisse Kunst), aber mich jedes Mal in nachdenkliche, melancholische Gefilden zurücklässt. Banana Yoshimoto, Haruki Murakami und Hiromi Kawakami sind nur einige Autoren und Autorinnen, die ich auf meinem Nachtschrank habe.


Mein Leseerlebnis


Hatsu ist eine ganz normale Jugendliche - so denkt man. Das, was in unserem Land nichts Ungewöhnliches ist -  individuell zu sein und keine Lust auf Fake-Freundschaften zu haben - ist in Japan jedoch das ganze Gegenteil. Und damit wirkt sie wie eine Außenseiterin. Ein Nagel, der herausragt, und der eingeschlagen gehört. Diese japanische Redewendung wird in dem Roman für ihr Eigenbrötlertum verwendet. 

"Freundschaft" wird in Hatsus Umfeld anders definiert, was auch dem jugendlichen Dasein geschuldet ist: Man hängt zwei, drei Tage miteinander ab und ist schon befreundet. Für die Protagonistin sind das aber nur oberflächliche Nutznießerschaften. Und so zieht sie nicht mit, als ihre alte Freundin Kinuyo sich solch einer lockeren Clique zuwendet.

Dass Hatsu nun auf den ebenso eigenbrötlerischen und seltsamen Ninagawa ihrer Klasse trifft, welcher anscheinend ihre Hilfe braucht, ist kein wundersamer Schachzug der Autorin. "Gleich und gleich gesellt sich gern", passt recht gut. Zumindest auf den ersten Blick.

Denn während Hatsu ganz normale Interessen verfolgt und sportlich scheint, ist ihr Mitschüler ein Fan, ein Otaku*, und hat ein fanatisches Interesse an dem Model "Ori-chan". Dieses Interesse weitet sich sogar auf sexuelle Ebene aus. Da Hatsu sich immer mehr von den anderen zurückzieht, verbringt sie mehr und mehr Zeit mit Ninagawa und seltsamerweise fühlt sie sich sogar zu ihm hingezogen. Jedoch ist dies nicht das typische Schwärmen, wie man es bei Verliebtheit in Betracht zieht, sondern der Wunsch, ihm Gewalt zuzufügen, welche sie wiederum in Erregung versetzt.
Kinuyo bringt Hatsu nahe, dass dies wohl romantisches Interesse wäre, aber Letztere erscheint es zu abwegig...


Was genau gibt uns das Ende des Romans mit?


Die Annäherung zweier vollkommen unterschiedlicher Geister, die sich dennoch in einer Sache ähneln: Sie sind anders als der Großteil der Gemeinschaft. 

Die unterschiedlichen Wertvorstellungen einer Freundschaft. 

Dass Obsession nicht zum Ziel führt und dass das der Öffentlichkeit gestellte Bild einer Person nicht deren wahren Charakter zeigen muss.


Wie wird das Buch erzählt? 


Die Erzählweise ist tatsächlich poetisch. Wer schon öfter einmal japanische Literatur vor Augen hatte, wird sich hier recht wohlfühlen. Sowohl die Beschreibung der Szenerien als auch die Gefühls- und Gedankenebenen werden ausführlich und in einem für die deutsche Gegenwartsliteratur eher ungewöhnlichen Stil erzählt. Für den ein oder anderen mag dies den Lesefluss erschweren und ich muss gestehen, dass das Buch auch hin und wieder auf Passagen hätte verzichten können.

Wir erleben die Geschichte aus Hatsus Perspektive, welche uns in ihren Alltag mitnimmt: Rebellisch, ein bisschen eigenartig und manchmal auch aus der Haut fahrend, erzählt sie uns von ihren Begegnungen mit Ninagawa und von ihrem Schulleben. Wenig erfahren wir über ihre Familie, dafür aber umso mehr von Kinuyo, die ihr in der Mittelschule im Gegensatz zu den anderen Mädchen eine richtige Freundin war. Diese Aufarbeitung lässt uns nachvollziehen, warum Hatsu nicht an oberflächlichen Bekanntschaften interessiert ist und warum sie auch in der jetzigen Klasse (bis auf Kinuyo) keine Freunde hat.

Mehr als nur die Momentaufnahme eines Aufeinandertreffens von Jugendlichen 


Man merkt schnell, dass der Roman mehr ist, als nur das Aufeinandertreffen von zwei Jugendlichen, die so wenig und doch so viel gemein zu haben scheinen.

Die direkte Kritik an der japanischen Kollektiv-Gesellschaft, die daraus folgenden Konsequenzen des Einzelgänger-Status (in Ninagawas Fall ein frühes Stadium des Hikikomori) sind ebenso präsent wie die Pubertätsphase und die damit sexuelle Interessenfindung unter den Jugendlichen.

Abstoßend und zeitgleich hinweisend sind hier besonders zwei Situationen:

Hatsu besucht Ninagawa und entdeckt dabei eine Kiste mit vielen Zeitungsausschnitten und anderen Dingen, die der Schüler zu seinem Lieblingsmodel gesammelt hat. Darunter befindet sich auch eine selbsterstellte Collage: Ori-chans Kopf befindet sich auf einem nackten Mädchenkörper. (Ori-chan ist eigentlich erwachsen und entsprechend abstoßend ist dieser Zusammenschnitt.) Dies zeigt, dass sich Ninagawa Ori-chan nicht als die Person wünscht, die sie ist. Zumindest nicht körperlich. Auch seine Fantasien darüber, was er mit ihr erleben und was sie auf seine Aussagen sagen würde, sind der geistigen Reife eines Jugendlichen zuzuordnen.

In einer anderen Szene entwickelt Hatsu negative Gefühle gegenüber Ninagawa. Sei es nun eine Art Eifersucht oder auch Genervtheit, weil er sich so fanatisch auf Ori-chan stürzt oder das Leben als Ausgestoßener: Als sie ihn in den Rücken tritt und sich sicher sein kann, dass er davon Blessuren davonträgt, empfindet sie positive Erregung.
Zu einem späteren Moment fragt sie ihn, ob er Schmerzen mag und veräußert im selben Atemzug gedanklich, dass sie ihn nicht noch einmal treten würde, wenn er bejaht.
Sein "Leid" ist hierbei also ein wichtiger Grund, ohne den sie nicht gewalttätig sein könnte. Dies kann als Ausdruck ihres eigenen Leids gesehen werden: Es gibt jemanden, der schwächer ist. Sie steht nicht am Ende der Nahrungskette. Die wahren Beweggründe werden wir hierfür nicht ergründen können, doch kommt das Triezen mit dem Rückentritt in der Abschlussszene ein zweites Mal vor. Ohne Erregung, ohne Lust. Als wäre es nur noch ein "freundschaftliches" Ärgern. Vielleicht eine Versinnbildlichung einer gesünderen Beziehung zwischen Hatsu und Ninagawa. 

Auch das muss ich bemängeln: Das Ende. Ja, Romane dürfen offen sein. Ja, Kurzgeschichten ebenso. Ich bin ein Fan von offenen Enden, aber nicht von abgebrochenen Konversationen.
Weder wissen wir, in welche Richtung sich die Beziehung zwischen Hatsu und Ninagawa entwickelt, noch was die Protagonistin aus der Story für sich mitnimmt. Als Leser erfahren wir (siehe oben) einiges mehr, aber für die Hauptfigur ist es Herumtasten im Nebel ohne Ziel.



Zugreifen oder nicht?


Korrekt finde ich den Aufreißer "erotisch und voller Poesie" nicht.
Die Ausdrucksweise im Roman wirkt ausladend und geschmückt, mit Poesie hat dies aber nichts zu tun.
Erotisch... mitnichten. Ja, es kommt zu einem Kuss, aber selbst dieser ist weder besonders erotisch noch erregend, sondern eher einer aus jugendlicher Neugier.

Warum der Roman ein Millionen-Bestseller ist... Ich kann es nicht nachvollziehen.
Ist es die schiere Begeisterung um das fanatische Dasein Ninagawas?
Sind es die leicht perversen Fantasien der Charaktere?
Ist es die zynische Hatsu, welche der Norm auf ihre Art den Kampf ansagt?

Womöglich ist die Geschichte aber im Original wirklich unterhaltsamer, denn Übersetzungen aus dem Japanischen sind nicht die einfachsten. Dazu kann ich allerdings nichts sagen, da mir das Original weder vorliegt noch ich die Sprache ausreichend beherrsche.

Fazit: Wer Skurrilität mag und ebenso fragwürdige Charaktere, darf gern reinblättern.


Donnerstag, 15. September 2022

Rezension: Wir beide, irgendwann




Klappentext

Im Mai 1996 bekommt die 16-jährige Emma ihren ersten Computer geschenkt. Mithilfe ihres besten Freunds Josh loggt sie sich ein und gelangt zufällig auf ihre eigene Facebook-Seite – 15 Jahre später. Geschockt stellt sie fest, dass sie mit 31 Jahren arbeitslos und unglücklich verheiratet sein wird. Josh hingegen, bislang alles andere als ein Frauenheld (der erst kürzlich von Emma einen Korb bekommen hat), wird das hübscheste Mädchen der ganzen Schule heiraten und zudem seinen Traumjob ergattern. Emma ist jedoch nicht gewillt, sehenden Auges in ihr Unglück zu laufen. Um das Zusammentreffen mit dem Jungen zu verhindern, der sie später mal unglücklich machen wird, beginnt sie, bewusste Änderungen in der Gegenwart herbeizuführen. Doch der Versuch, in ihr Schicksal einzugreifen und dadurch ihr künftiges Facebook-Profil zu verändern, setzt eine fatale Kettenreaktion in Gang …“


Erstkontakt

Witzigerweise kam mir das Buch in letzter Zeit in Buchläden immer wieder unter die Augen, obwohl es doch schon aus dem Jahre 2012 ist!
Die abstrakte Covergestaltung und die Farbpalette ist jene, die mich persönlich sehr anspricht und da ich auf Worte wie "Irgendwann" automatisch reagiere... nun ja. Ich musste zugreifen.
Zudem war ich interessiert, was der Autor von "Tote Mädchen lügen nicht" als nächstes zu fabrizieren wusste...


Mein Leseerlebnis

Du denkst dir nichts Böses und dann entdeckst du deine ganze Zukunft auf einer 15 Jahre entfernten Seite namens "Facebook"? Ein Schock, den wohl jeder nachvollziehen kann. Ich war sehr gespannt darauf, als Emma tatsächlich ihren "Zukünftigen" anrief und sich mit ihm unterhielt. Würde sie ihn treffen? Würden sie den Kontakt aufrechterhalten? Leider nein. Schade, denn das hätte ihre Bemühungen und die weitreichenden Folgen für die Zukunft durchaus noch würziger machen können.
Demnach beruhen die getroffenen Entscheidungen nur auf dem Lesen von Stati, Posts und Bildern dieser mysteriösen Netzwerkseite.

Zum Ende hin ist es dann aber gar kein "geheimer Wettstreit", wie Emmas beste Freundin Kellan ihr und Josh anlastet, sondern die unausgesprochenen Gefühle zueinander, welche die zwei auch zusammenführt. Es mag sein, dass ohne "Facebook" Josh niemals für Sydney eingestanden wäre, er dadurch keine Beachtung durch andere Mädchen und ihr erfahren hätte und Emma sich ihrer Gefühle nicht so schnell bewusst gewesen wäre, aber... ich bin der Überzeugung, dass es dennoch passiert wäre, denn Josh ist ein Junge mit Werten, welche er auch so zu vertreten gewusst hätte, als Sydney im Kurs bloßgestellt wurde.
Was Emma betrifft, hätte Sportler Cody sie auch so angegraben - immerhin hatte er sie als Leichtathletikerin im Blick und sie ein Auge auf ihn geworfen. Dass er sich als infantiler Idiot herausstellt und auch noch als Macho, war für sie gewiss eine gute Lektion, auf ihr Inneres zu hören. 


Was genau gibt uns das Ende des Romans mit?


Zum einen, dass es kein "perfekt" gibt, und man an den meisten Dingen arbeiten muss. Dann, dass vieles auch Einstellungssache ist - so, wie ich mich selbst sehe, werde ich auch von anderen gesehen und behandelt. Aufrichtigkeit und Kommunikation - auch wenn es schwer fällt. Akzeptanz von manchen Dingen, die sich nicht ändern lassen. Kämpfen, auch wenn es für andere unverständlich ist.
Lebe vor allem im Jetzt!


Wie wird das Buch erzählt? 


Obwohl ich anfangs wegen der eher knackigen Erzählweise Emmas bzw. Joshs skeptisch war, hat mich diese vollkommen mitgerissen und ehe ich mich versah, sind aus dreißig gelesenen Seiten fünfzig und daraufhin auch schon einhundert geworden.

Der von Kapitel zu Kapitel wechselnde Perspektivwechsel zwischen Emma und Josh machte für mich als Leserin einfach, deren Gedankengänge und Gefühle zu verstehen und damit auch die auftauchenden Konflikte. Mit einem omnipräsenten Erzähler wäre dies gar nicht möglich gewesen und Emmas sowie Joshs Charakter wäre sehr verschoben rübergekommen.

Ich finde es in der Hinsicht allerdings schade, dass die gute Freundschaft zwischen Emma, Josh, Kellan und Tyson erst sehr spät in den Vordergrund rückte. Meist war es nur "Emma und Kellan" oder "Tyson und Josh", was vor allem den komplizierten Beziehungen zueinander geschuldet war. Sicherlich hätten aber ein, zwei gemeinsame Kapitel noch einmal das Band zwischen ihnen festigen können.

Ebenso negativ empfand ich gespielte "Coolness" der Jugendlichen, als gehörte ihnen die Welt. Ich erlebe es so oft in amerikanischen Romanen/Filmen, dass sich die Teenager wie Erwachsene benehmen, auch so reden, aber dann Hausarrest bekommen, weil sie noch nicht volljährig sind. Ob nun die Lagerfeuerparty zum Ende des Buches oder auch Emmas zig Jungs-Bekanntschaften. Oder Joshs versuchte Fernbeziehung. Das alles ist mir zu "erwachsen" und unpassend. Ein paar kindischere Verhaltensweisen hätte ich mir da schon sehr gewünscht, denn gerade im Kontrast zur 31jährigen-Facebook-Emma lagen wenig geistige Jahre dazwischen.

Gleiches gilt für "Sydney": ein typischer Teenager-Charakter, eine Heather Chandler (wenn auch etwas netter). Kein weiterer Tiefgang. Sie wird als Love Interest eingeführt, als Ältere und Konkurrentin, verliert aber ihre eigene Festigkeit.

Dies sind Dinge, die mir zu klischeehaft sind.

Was ich allerdings sehr, sehr schön fand: Die Anspielungen und Erwähnungen alten Gutes von 1996 und davor. Sei es Musik, seien es Produkte, die es heute nicht mehr gibt...
Die Zeitreise funktioniert damit nicht nur nach vorne, sondern auch rückwärts und gerade diejenigen von uns, die in den 90ern aufgewachsen sind, werden so einiges mit einem "das kenn ich!" verbinden.
Kritisch zu betrachten - und damit ebenso gut aufgegriffen! - ist die vorhandene Queerfeindlichkeit jener Zeit: Als gleichgeschlechtliche Paare noch nirgendwo heiraten durften. Als es ein Skandal war, wenn der Sohn sich outete und und und... Eine durchaus mögliche Zukunftsaussicht für 2011, aber für 1996 noch nicht so verbreitet. (Wir denken hierbei bitte auch an Homosexuellenfeindlichkeit und den Glauben, dass AIDS als "Gay Plague" bezeichnet wurde).