Freitag, 30. August 2024

Rezension: Love Letters to the Dead


Inhaltsangabe

Laurel, im ersten Jahr an der Highschool,erhält von ihrer Englischlehrerin zu Beginn des Schuljahres die Aufgabe, einen Brief an eine tote Person zu schreiben. Sie schreibt Kurt Cobain, dem verstorbenen Sänger der Band Nirvana. Er ist zu jung gestorben, so wie ihre Schwester May. Aber nicht nur deswegen wählt sie Kurt Cobain aus, sondern auch, weil May Anhänger seinerseits war und Laurel nicht weniger mit der Musik Nirvanas angesteckt wurde. Als sie fertig ist, gibt sie den Brief jedoch nicht an ihre Lehrerin ab, sondern schreibt noch viele weitere Briefe an andere verstorbene Persönlichkeiten: Judy Garland, Jim Morrison, Amy Winehouse...
 

Erstkontakt

Erinnert ihr euch an die Welle, welche durch John Greens The Fault in our Stars / Das Schicksal ist ein mieser Verräter ausgelöst wurde? Zum einen kamen weitere seiner Bücher nach Deutschland, z.B. Looking for Alaska / eine wie Alaska, aber auch viele weitere Coming of Age Romane fanden den Weg auf unsere Büchertische. Ich hielt Love Letters to the Dead somit schon einmal in den Händen, 2015. Ich habe es allerdings wieder weggelegt, weil mich die Inhaltsangabe nicht sofort überzeugte, gerade weil es viele ähnliche Romane gab... Dann kam ein Buchwichteln, welches online organisiert worden ist: Als ich meine Briefsendung öffnete... tja, welches Buchcover guckte mich da an?

Mein Leseerlebnis

Laurels Briefe erzählen eine Geschichte - ihre Geschichte. Ihre Highschool-Erfahrungen, der Beginn neuer Freundschaften, die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens, die erste Liebe... Aber auch über ihre Vergangenheit, die sie einzuholen droht. Dabei lernt Laurel - wie es oftmals in Romanen mit einer verstorbenen Person als Schlüsselfigur -, dass ihre Schwester May weniger perfekt war, als sie sie in Erinnerung trägt.

Love Letters to the Dead überraschte mich positiv, obwohl die Geschichte nicht neuerfunden ist: Zum einen spürte ich die Liebe, mit welcher der Roman geschrieben wurde. Die Autorin ermöglicht mit jedem Brief einen Einblick in das Leben der jeweiligen berühmten Persönlichkeit. Die Auswahl dieser ist durchmischt: Amy Winehouse, Kurt Cobain, Judy Garland - Künstler verschiedener Generationen. Dank der kurzen, gut eingebundenen Einleitungen und Bezugnahmen in den Briefen wird eventuelle Unwissenheit zu diesen Personen schnell geklärt (Für einen Extralesegenuss empfehle ich also, die passenden Songs spielen zu lassen). 

Außerdem ist nicht nur Laurel ein interessanter Charakter, sondern auch die weiteren Figuren im Buch: Hannah, deren Bruder ihr gegenüber gewalttätig wird. Natalie, welche sich der Gefühle gegenüber ihrer Freundin in Klaren werden muss. Sky, der mit seiner psychisch erkrankten Mutter allein gelassen wird. Laurels Eltern, die jeder auf seine Art und Weise mit dem Tod ihrer Ältesten umgehen, aber sich immer mehr voneinander entfernen. 

Und obwohl sich der rote Faden offensichtlich durch das Buch zieht, lässt sich bis zum Schluss nicht erahnen, ob wir es mit einem Happy End schließen werden

Dellaira schafft es, Laurel eine Entwicklung als Charakter zu geben, die ich selten gesehen habe: eine nachvollziehbare Entwicklung. 

Kritikpunkt: Die hemmungslose Jugend?

Was mich hingegen sehr erschreckte, ist der nahezu hemmungslose Umgang mit Alkohol, Drogen, Sex und Lügen in dem Buch. Die jugendlichen Charaktere sind 15-19 Jahre alt. Es wird von Episoden berichtet, in denen Laurel Ladendiebstahl begeht. Alkoholorgien werden bei den Mädchen zu Hause gefeiert und ganz selbstverständlich wird der Unterricht geschwänzt und Gras geraucht.

Dass dies teils deswegen geschieht, um zu zeigen, wie kaputt manche der Charaktere sind, ist verständlich. Inwiefern es allerdings sein muss, dass Laurel von einem Fremden Drogen annimmt und diese auch noch schluckt, obwohl sie genau weiß, dass es keine harmlosen Koffeintabletten sind, lässt sich anzweifeln. Es passte nicht zu der Situation. Auch die regelmäßigen Griffe zur Flasche, teils sogar allein, ist für mich unverständlich - sie hat es nicht vorgelebt bekommen und es wird auch nicht näher darauf eingegangen, ob der Alkoholzuschuss eine wesentliche Besserung zu ihrem Gemütszustand beiträgt oder nicht.

Was gibt uns das Ende des Buches mit?

 
Auch Stars sind am Ende normale Menschen, die sterben.

Alkohol ist keine Lösung. Drogen auch nicht. Diebstahl bringt auch nur Ärger.

Dein Körper kann dich zum Schutz unangenehme Dinge verdrängen lassen.


Zugreifen oder nicht?

Ich möchte diesen Roman denjenigen ans Herz legen, die moderne Jugendliteratur/Young Adult lesen und Musik lieben. Die Autorin schafft es, Atmosphären zu kreieren, die mitfühlen lassen. Man spürt die Schwere und die Schatten, die Laurel täglich begleiten und wie sie sich in einem angenehmen Tempo wieder lüften. Dies ist definitiv nicht in jedem Buch der Fall und deswegen eindeutig Daumen hoch.

 

Sonntag, 25. August 2024

Rezension: Was bleibt, wenn du gehst

 

 

Inhaltsangabe


Die Geschichte handelt um eine Zusammenkunft alter Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen haben. Von Jen wurden sie mehr oder weniger wissentlich um die anderen in das Haus in Südfrankreich eingeladen, welches ihr ganz eigen privates Heim gewesen ist, bis sich ein Autounfall ereignete, der das Leben aller aus der Bahn warf. 

Die Auslöser, die damaligen Probleme, Geheimnisse und unausgesprochene Worte kommen wieder ans Tageslicht. Den Geistern der Vergangenheit muss sich gestellt werden.

 

Erstkontakt 

Hin und wieder gibt es Phasen, in denen ich einfach etwas leichtes lesen mag. Ich mag Alltagsgeschichten, die auch ein bisschen romantisch sein dürfen. Also habe ich nach kurzem Überlegen mit geschlossenen Augen vor ein paar Jahren das nächstbeste Buch gegriffen und landete bei Amy Silvers Was bleibt, wenn du gehst.

 

Mein Leseerlebnis

Es fiel mir schwer, mich mit der Protagonistin Jen anzufreunden. Sie wird als zentraler Angelpunkt eingesetzt und hält die Fäden des Romans zusammen. Dennoch sind ihre Verhaltensweisen und ihre Dialogführungen oftmals sehr theatralisiert und sie wird nahezu perfekt, bis es zur Enthüllung ihres eigenen Fehltritts mit einem der Freunde kommt. Trotzdem bleibt sie selbst dann noch sehr "unschuldig".

Mit den fortschreitenden Kapiteln rücken auch die anderen ihrer früheren Clique in den. Nach und nach erfahre ich als Leserin in angenehmen Geschwindigkeit Näheres zu Andrew, Natalie, Lilah und Dan. 

Ihr verstorbener Freund Conor findet hingegen zwar immer wieder Erwähnung, doch erscheint diese - obwohl sein Tod so schwer für Jen und Andrew wiegt - recht oberflächlich. 

 

Die fünf Freunde

Andrew sieht sich als Sündenbock, was verständlich sein mag, da er die gefühlte Ursache für Conors Unfall darstellt, doch kommt auch hier das eigentliche Problem wenig zu Sprache.

Hingegen sind Natalies körperliche Schäden, die sie durch den Unfall erlitt, den gesamten Roman hinweg präsent und zeichnen sich auch in ihre Verhaltensweisen und in ihren Reaktionen ab. In meinen Augen ist Natalie trotz der teilweise aufkommenden Hysterie, Zickigkeit und Bestimmtheit eine der authentischsten Figuren. 

Dass die Beziehungsprobleme zwischen ihr und Andrew allerdings immer nur angedeutet werden, aber nie direkt zur Sprache kommen und aufgedeckt werden, ist sehr schade. Es hätte der Geschichte mehr Tiefgang gegeben, hätte durchaus auch Andrews Schuldgefühle in einen rechten Fokus rücken können... 

Kommen wir zu einer weiteren authentischen Figur: Lila - eine Alkoholikerin, ein Partygirl, immer am Abgrund balancierend und magersüchtig... Ihr Verhalten ist kindisch, übertrieben, hemmungslos. Ich spüre, dass ihre Probleme wirklich von schwerer Natur sind und sie hier allein nicht mehr rauskommt.

Der Letzte im Bunde, Dan, ist ein typischer Draufgänger, der nie erwachsen werden konnte. Jens Bezeichnung des "verlorenen Jungen" passt sehr gut. Im Großen und Ganzen erinnert er stark an Daniel aus "Bridget Jones" oder an Dexter aus "One Day" ("Zwei an einem Tag") ... einzig und allein seine Fantasie, die ihm Albträume bescheren (Axtmörder voraus), geben ihm Abwechslung zu den genannten Schürzenjägern und großen Jungs der anderen Romane.

Gute Dramatik vs. übertriebene Theatralik

Natürlich sind die Freunde überängstlich, wenn es um Straßennutzung bzgl. des Schneegestöbers geht. Das würden wohl die meisten von uns so fühlen. Wenn aber selbst die bis eben ruhige Natalie auf einmal eine 180 Grad Wende macht und cholerisch wird, oder wenn Jen das typische "Geh nicht!", "Komm mir nicht zu nahe!" Spiel in einem Intervall von zwei Minuten häufiger aufkommen lässt als eine Fußballmannschaft in einem Spiel Tore schießt, und anhand von Blutstropfen auf der Treppe abergläubische Fantasien rechtfertigt, sind dies für mich Übertreibungen, die man nicht braucht.

Das Haus wird so nicht nur zur Zufluchtsstätte, sondern auch zu Tatort und Happy End-Location zugleich.

Kommen wir zu einem weiteren Punkt: Die ständigen Entschuldigungsfloskeln. Mit voranschreitender Seitenzahl wird sich immer mehr entschuldigt und das nahzu für jedes Wort. Die Charaktere erklären sich in Monologen, als würden säßen sie in einer Therapiestunde. Ein Jeder von ihnen scheint zu wissen, wie der andere tickt. 

Was genau gibt uns das Ende des Buches mit?

Redet miteinander, kommuniziert. 

Geht nicht einfach davon aus, dass ihr wisst, was einer denkt und fühlt, wenn ihr nicht darüber gesprochen habt.

Betrügt einander nicht.

Und: Perfektion gibt es nicht. Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Zugreifen oder nicht?

Das heißt jedoch nicht, dass Amy Silver nicht schreiben kann. Sie kann... denn ansonsten hätte ich das Buch mittendrin weggelegt. Man kommt flüssig und schnell durch die etwas über vierhundert Seiten. Man möchte auch nicht aufhören, weil man wissen will, wie die Geschichte weitergeht. Unter den angebrachten Kritikpunkten wäre es ein wirklich guter Roman geworden. So hingegen bleibt er recht oberflächlich, der dann auch noch mit einigen Rechtschreibfehlern in der Übersetzung glänzt: Wobei ich nie vergessen werde, wie fruchtbar Jen aussah, obwohl sie furchtbar hätte aussehen müssen...